Archipel Europa

Am 9. und 10. Mai tagte auf Einladung von Außenminister Frank-Walter Steinmeier und vier Autoren (siehe Foto) die Europäische Schriftstellerkonferenz 2016. Unter dem Motto „GrenzenNiederSchreiben“ diskutierten Autorinnen und Autoren aus 29 Ländern in der Akademie der Künste mit Blick auf den Reichstag über Literatur in Zeiten wiederentstehender Grenzen und Nationalismen.

Literatur oder Macht? Initiativgruppe: Nicol Ljubić, Mely Kiyak, Frank-Walter Steinmeier, Antje Rávic Strubel, Tilman Spengler. / Dirk Bleicker

Von Lucia Geis

Über eine Schriftstellerkonferenz zu schreiben, ist eine Anmaßung*, findet eine solche doch statt, um den Meistern der Sprache das Wort zu geben. Ihre babylonischen Stimmen lassen sich nicht zusammenfassen, weil man dazu das Gesagte paraphrasieren müsste. Mit anderen Worten lässt sich das Gleiche aber nicht sagen, es sei denn, es handelt sich um eine Phrase. Und genau gegen solche und für Präzision kämpfen Schriftsteller in ihrer Arbeit. Das doppeldeutige Konferenzmotto  „GrenzenNiederSchreiben“ ist dafür ein schönes Beispiel: Einerseits fordert es dazu auf, die Geschichten der Grenzerfahrungen nieder- also aufzuschreiben, und andererseits, eben dadurch Grenzen niederzureißen – reale und sprachliche. Man kann also nur in aller Demut* einige der Formulierungen und Fragen der zwei Tage aufgreifen.

Wut und Leidenschaft 

Viele der teilnehmenden Autoren haben in ihrem Leben Grenzen überschritten. Die syrische Autorin Kefah Ali Deeb kam vor gut einem Jahr als Flüchtling nach Deutschland, nicht wissend, ob sie ihre Sprache mit auf die Flucht nehmen könnte. Der in Grosny geborene und in Griechenland aufgewachsene Jazra Khaleed verwandelte in der Langen Nacht der Europäischen Literatur, die zum Abschluss des ersten Tages im Deutschen Theater stattfand, das Theater in eine Agora*, als er seine wütenden Gedichte gegen Fremdenhass ins Publikum trug. Die in Indien geborene, heute in Frankreich auf Französisch schreibende Shumona Sinha sprach davon, dass der geographische Wechsel für sie auch einen befreienden Sprachwechsel bedeutet habe, da sie die Sprache der einstigen Kolonialmacht hinter sich gelassen habe. Der türkischkurdische Autor Yavuz Ekinci beschrieb das für ihn komplizierte Verhältnis zwischen Muttersprache und Geographie als Schicksal. Er schilderte den komplexen Entstehungsprozess seiner Anthologie kurdischer Texte aus der Türkei, Syrien, dem Iran und Irak.

Immer wieder ging es um Begriffe. Mitinitiator Tilman Spengler fragte, ob irgendjemand eine positive Bezeichnung für „Flüchtling“ kenne. Das Publikum schwieg, Lawen Mohtadi aus Schweden fragte: „Was bitte schön ist ein EU-Flüchtling?“, und bezog sich damit auf die Roma und Sinti der EU, die als Wirtschaftsflüchtlinge* diskriminiert würden. Der 1986 aus seiner Heimat ausgewiesene* Zyprer Mehmet Yashin kritisierte daraufhin die fehlende globale Perspektive der Europäer: Ihr Blick ende an den europäischen Grenzen. Für sein Land sei aber Syrien ein Nachbar, nicht etwa Holland.

Die Konferenz öffnete die Grenzen dadurch, dass auch Autoren aus Syrien, Israel, Tunesien, Weißrussland und Russland mit ihren je speziellen Blickweisen teilnahmen. Das am ersten Abend vorgestellte „Manifest der europäischen Schriftstellerkonferenz 2016“ ist ein literarisches Kaleidoskop all der individuellen, leidenschaftlichen Metaphern und Bilder, die entstehen, wenn „ein Schriftsteller allein in seinem Zimmer, aber niemals weltabgewandt*“ schreibt – so Mitinitiatorin Mely Kiyak. In ihnen blitzen* Angst und Hoffnung auf, immer voller Empathie. Für den Weißrussen Zmicier Vishniou ist Europas Geschichte „geprägt von Menschen, die das Abenteuer suchten und Wagnisse* eingingen“. Priya Basil aus England betont, die älteste Geschichte der Welt sei, dass ein Mensch unterwegs ist, der Weg nach Europa aber heute für viele in Internierungslagern oder „tief unter den Wellen“ ende.

Gewalt und Brücken

Am Schluss der Konferenz stand die Frage, wie Schriftsteller den Narrativen* der Angst im öffentlichen Diskurs begegnen könnten. Der ungarische Schriftsteller György Dragomán – in Rumänien geboren – berichtete, in Ungarn herrsche eine „Sprache der Gewalt“, das Wort „Soldat“ erfreue sich wachsender Beliebtheit. Von einer zunehmenden Vergiftung der russischen durch die Sowjetsprache, die die Menschen aggressiver werden lasse, erzählte Sergej Lebedew. Er lehnte es jedoch ab, dem eine Utopie entgegenzusetzen, da er in „Utopia“ geboren sei. Zum ersten Mal in den zwei Tagen kam so etwas wie Hilflosigkeit auf. Der Litauer Eugenijus Ališanka vertrieb diese Wolke, als er den tschechischen Schriftsteller und Politiker Vaclav Havel zitierte: „Hoffnung ist … nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“ Dieser Satz bringt den Gegensatz von Propaganda mit ihren einfachen Antworten und Literatur, die sich auf den langen Weg der Überschreitung der (sprachlichen) Grenzen begibt, auf den Punkt. Verdichteter (und woher sonst kommt das Wort „Dichtung“?) als im Satz der estnischen Lyrikerin und Übersetzerin Doris Kareva im Manifest ist das nicht zu sagen: „Europa ist ein Archipel voller Wortbrücken.“ Ohne Literatur wären die europäischen Länder sich selbst genug*, aber eben auch einsam und ahnungslos*. Die Literatur verbindet die Menschen und Kulturen, indem sie ihre Geschichten auf die andere Seite schickt. Die geschriebenen Geschichten schlagen Brücken über Grenzen hinweg. Sie übersetzen das Fremde, indem sie in eine andere Welt übersetzen. Menschen, die wandern, bringen ihre eigenen Geschichten mit. Stoßen sie an Grenzen, bleiben dem Archipel Europa bestenfalls Geschichten. Zur Konferenz kamen Menschen mit ihren Geschichten. In diesen liegt die Macht, die deren Autoren nicht haben. In unmittelbarer Nähe zum Konferenzort hatte am 10. Mai 1933 die nationalsozialistische Bücherverbrennung gewütet, die viele Autoren ins Exil zwang.

 

 

 

Lesehilfe

die Anmaßung: überhebliches Handeln
die Demut: Bescheidenheit, Respekt
die Agora: Marktplatz im antiken Griechenland, auf dem über Politik diskutiert wurde
der Wirtschaftsflüchtling: (abwertend) jd., der aus materiellen Gründen sein Land verlässt
ausweisen: jdn. durch staatliche Mittel zum Verlassen des Landes zwingen
weltabgewandt: das Weltgeschehen ignorierend
aufblitzen: plötzlich sichtbar werden
das Wagnis: Risiko
das Narrativ: eine die Kultur prägende Erzählung
sich selbst genug sein: andere(s) nicht brauchen, sich nicht für andere(s) interessieren
ahnungslos: völlig unwissend

Aufgaben
1. Das Wort „niederschreiben“ im Motto der Konferenz ist ein Wortspiel. Am Ende des Textes wird mit dem Wort „übersetzen“ gespielt. Was sind dessen zwei Bedeutungen und wie heißt ihr Partizip?

2. Woher kommt das Wort „Dichtung“?

3. Was verbindet die Autorinnen und Autoren aus Syrien, Griechenland, Ungarn, Indien und Zypern?

 

 

 

 

 

Lösungen

1. Von einer Sprache in eine andere übersetzen – übersetzt haben; von einem Ufer zum anderen übersetzen – übergesetzt haben. 2. Von „dicht“. 3. Sie leben nicht im Land ihrer Geburt.

 

 

 

 

 

 

 

 

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