Von Lucia Geis
In Berlin knallten am 20. Juni 1991 die Sektkorken, die 300 000-Einwohner-Stadt Bonn verfiel in Katerstimmung*, ohne etwas getrunken zu haben. Die zehnstündige Debatte, die Uneinigkeit quer durch alle Bundestagsfraktionen gezeigt hatte, war zu Ende gegangen. Mit 338 zu 320 Stimmen für Berlin fiel der sogenannte Hauptstadtbeschluss, der Bonn von der Bundeshauptstadt zur Bundesstadt degradierte*, knapp aus.
Bonn ist eine alte Stadt am Rhein. Die Römer brachten Weinbau und Fußbodenheizung hierher. Sie ist stolz auf ihre Universität (Studenten waren Nietzsche, Heine, Marx und Adenauer), Beethovens Geburtshaus, ihre mediterrane Stimmung und darauf, Wiege der ersten funktionierenden Demokratie in Deutschland zu sein. Berlin hat eine Eichenbohle* vermutlich aus dem Jahr 1183 und seine zerrissene Geschichte zu bieten. Wolfgang Thierse (SPD) sagte in der Debatte 1991, Bonn sei eine glückliche Stadt – und kämpfte für Berlin, da man den Ostdeutschen Berlin als Hauptstadt schuldig sei*. Ob Berlin heute ohne Parlament und Regierung glücklicher wäre, ist eine theoretische Frage. Ob „unser aller Zukunft“, die Wolfgang Schäuble (CDU) für Berlin plädierend beschwor*, mit einem anderen Ergebnis vertan* worden wäre, ebenso.
Berlin hat sich weder zur Megastadt noch zur größten Industriestadt zwischen Atlantik und Ural gewandelt, was Norbert Blüm (CDU) als Freund der föderalen Demokratie befürchtete. Geworden ist es eine normale Hauptstadt mit der typischen Aufgeregtheit. Man feiert rheinischen Karneval, es gibt Kölsch*, Lobbyismus und von Jahr zu Jahr steigende Touristenzahlen (2000: 5,1 Millionen, 2014: 11,8 Millionen).
Gerhard Baum (FDP) gemahnte* 1991 in seinem Bonn-Plädoyer, die mindestens 100 000 Beschäftigten der Stadt, die vom Umzug nach Berlin direkt oder indirekt betroffen wären, nicht zu vergessen. Tatsächlich aber finden heute in Bonn mehr Menschen Arbeit als damals, und die Einwohnerzahl wuchs um 20 000. Die Pro-Kopf-Verschuldung Bonns betrug 2014 etwa 5150 Euro, die der neuen Hauptstadt jedoch rund 17 500 Euro. Jeder Bonner erwirtschaftet deutlich mehr als ein Berliner, die aktuelle Arbeitslosigkeit liegt bei 7 Prozent – 6 Prozent unter der Berlins.
Dass Bonn sich auch ohne „Haupt“ zur Boomtown entwickeln konnte, hat Gründe. Dem Hauptstadtbeschluss folgte 1994 das Berlin/Bonn-Gesetz, das einen schrittweisen Umzug vorsah – weiterhin haben sechs Ministerien ihren Amtssitz ganz oder teilweise am Rhein. Vor allem aber wurden Ausgleichsmaßnahmen* in Höhe von 1,43 Milliarden Euro zur Umstrukturierung Bonns bewilligt, die in den Wissenschaftsstandort, den Verkehr, den wirtschaftlichen Strukturwandel und in die Kultur flossen. Infolgedessen siedelten sich Deutsche Post und Deutsche Telekom sowie zahlreiche UNO-Organisationen an. Auch die hohe Lebensqualität der Stadt mit kulturellen Angeboten und hervorragenden Bildungseinrichtungen dürfte dazu beigetragen haben. Der Bund selber entschied sich, etliche Institutionen und Stiftungen wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft und den DAAD nach Bonn zu verlagern oder dort zu errichten. Karl Marx diente die heutige Bundesstadt womöglich als Beweis seiner These, dass die materielle Existenz und nicht die Ideen – in diesem Fall die der Bundeshauptstadt – die Wirklichkeit erklären.
Die Bonner scheinen dennoch uneins über das Leben in der Stadt. Konrad Beikircher, in Italien geboren, aber seit über 30 Jahren als Kabarettist lokale Kultfigur, freut sich über den Trubel* in der Stadt und drohte mit Auswanderung, falls es zu weiteren Beschwerden von „Lärmmotzkis“* über nächtliche Feiern käme.
Einen Umzug ins preußische Berlin hätte der Bonner parlamentarische Haudegen* Herbert Wehner vermutlich mit seinem Bonmot „Wer rausgeht, muss auch wieder reinkommen“* kommentiert.
*Lesehilfe
die Bundesstadt: diese Bezeichnung wurde zum Trost für Bonn erfunden
die Katerstimmung: Depression (Kater: schlechte Verfassung nach Alkoholgenuss)
degradieren: herabstufen
die Bohle: brettartiges Bauholz
etwas schuldig sein: zu etwas moralisch verpflichtet sein
beschwören: dringend bitten
vertun: eine Chance verpassen
das Kölsch: Kölner Bier, das auch im benachbarten Bonn getrunken wird
gemahnen: warnen
die Ausgleichsmaßnahme: Kompensation
der Trubel: Lebendigkeit
der Lärmmotzki: (umgangssprachlich) Mensch, der sich über Lärm beschwert
der Haudegen: (verbaler) Kämpfer
das Bonmot: geistreich witziger Ausspruch (Zum Zitat: Der SPD-Fraktionsvorsitzende Wehner sagte es, nachdem er 1975 in einer Debatte von konservativen Abgeordneten beschimpft worden war und diese das Parlament verließen.)
Aufgaben
1. Warum war die Parlamentsdebatte von 1991 so spannend und ihr Ergebnis so knapp?
2. Warum ist der Slogan der Stadt Bonn dreisprachig?
3. Erwiesen sich die Argumente der Berlin-Gegner (a) oder die der Berlin-Befürworter (b) als falsch?
Lösungen
1. Die Positionen waren unabhängig von der Parteizugehörigkeit der Abgeordneten 2. Bonn sieht sich als international (UNO, DAAD) 3. a


