Der Mann, der unser Sehen veränderte

Vier Wochen vor dem Jahrestag öffnete in Berlin eines der größten Planetarien Europas nach jahrelanger Modernisierungsarbeit wieder seine Türen – das Zeiss-Großplanetarium. Heute schmückt es sich mit dem Namen „Wissenschaftstheater“, bei der Eröffnung 1987 war es der Stolz der DDR.

Zeissprojektoren weltweit: Planetarium Mallorca. / Danyel André

Zeissprojektoren weltweit: Planetarium Mallorca. / Danyel André

Von Lucia Geis

Am 11. September 1816 wurde Carl Zeiss in Weimar geboren. Ob Carl Zeiss ein sympathischer Mensch war, sei dahingestellt*. Wenn seine Mitarbeiter unpräzise gearbeitet hatten, zerschlug er ihre Mikroskope mit dem Hammer, andererseits lud er sie zu Gartenfesten ein und gründete eine betriebseigene Krankenkasse. In jedem Fall war er ein Mensch mit unbeugsamem* kämpferischem Willen, gespeist* aus einer starken Vision.

 Visionär

Den als Kind kränkelnden Carl Zeiss sah sein Vater nicht in einem Schreibtischberuf. Deshalb brach Carl das Gymnasium ein Jahr vor dem Abitur ab. Begeistert von den Neuerungen seiner Zeit wie Dampfmaschinen und Lokomotiven entschloss er sich zu einer Mechanikerausbildung. Im November 1846 gründete er in Jena nach langen bürokratischen Kämpfen einen Einmannbetrieb, in dem er physikalische Instrumente wie Lupen konstruierte und baute, außerdem Fernrohre und Mikroskope verkaufte. Schon im Jahr darauf begann er, eigene Mikroskope zu fertigen, die in Preis und Qualität schnell denen seiner Konkurrenten überlegen* waren. Die Firma wuchs, ihre Erzeugnisse wurden über die thüringischen Landesgrenzen hinaus bekannt. Dennoch war die Weiterentwicklung der Mikroskope von zahlreichen Rückschlägen* begleitet, aber sein Weitblick bewahrte* Zeiss vor der Kapitulation. Schließlich holte er den Physiker Ernst Abbe in seine Firma, mit dessen Hilfe 1871 ein Mikroskop vorgestellt werden konnte, das alle Konkurrenzprodukte in den Schatten stellte. Es basierte, wie jahrelang erträumt, auf mathematischen und nicht auf experimentellen Erkenntnissen und fand trotz seines enormen Preises reißenden Absatz. Einen weiteren Coup* landeten Zeiss und Abbe 1882, als sie dem Glastechniker

Otto Schott ein Labor einrichteten. Nun waren sie selber Herr über die Qualität des optischen Glases, ohne das ein Mikroskop nie ein gutes Mikroskop sein kann. 1886, zwei Jahre vor dem Tod des Firmengründers, präsentierten sie das sogenannte apochromatische Mikroskopobjektiv, das bis dato* unbekannte Abbildungen ermöglichte. Es belohnte das jahrzehntelange Ringen um die Realisierung einer Vision. Die Mitglieder des Kongresses russischer Ärzte waren davon so begeistert, dass sie Zeiss zum Ehrenmitglied machten.

 Weltbewegend

Leider ist auch die Geschichte dieses Unternehmens wie die der meisten deutschen Firmen nicht immer glorreich* geblieben. Die optische Industrie wurde im 20. Jahrhundert zu einer wesentlichen Säule* der Rüstungsindustrie*, und während des Zweiten Weltkrieges beschäftigte Zeiss tausende Zwangsarbeiter. Dennoch bestand das Unternehmen nach 1945 fort, sogar in doppelter Ausführung – eines am alten Standort Jena, nun DDR, und ein neues im württembergischen Oberkochen. Der VEB Carl Zeiss Jena wurde zu einem gigantischen Kombinat mit bis zu 70 000 Beschäftigten. Berühmt machte seine Produkte in den 70er Jahren das Design sowie die Kamera MKF 6, die 1978 der erste Deutsche im Weltraum, Sigmund Jähn, benutzte. Weiterentwickelt zur MKF 6M kam sie auf der Raumstation Mir zum Einsatz. Eine der letzten Großleistungen für die Öffentlichkeit vor dem Ende der DDR war die technische Ausstattung des Planetariums in Ostberlin.

Das westdeutsche Unternehmen Carl Zeiss konzentrierte sich in seinen Anfängen auf die Entwicklung von Brillengläsern, später auf fotooptische Geräte. Die Bilder von der ersten Mondlandung 1969, die 600 Millionen Menschen im Fernsehen sahen, verdanken wir Kameras aus dem Hause Zeiss.

In Ost wie West hat das Unternehmen im wahrsten Sinne des Wortes unser aller Blick auf die Welt verändert. Die Mikroskope, die uns das Erkennen des noch so Kleinen ermöglichen, und die Kameras, die uns bezeugen, dass wir nicht der Mittelpunkt der Welt sind, hätten uns bescheiden* machen können. Das Gegenteil war der Fall, man demonstrierte Stärke: Sigmund Jähn wurde zum „Held der DDR“ und zum „Held der Sowjetunion“ gekürt. In den Folgejahren vervierfachte sich im Kombinat die Fertigung militärischer Produkte. Und im anderen Teil der Welt konnte man mit der Mondlandung den von Kennedy angestrebten technologischen Sieg über die Sowjetunion feiern.

 Belanglos*

Bescheidenere Menschen haben in ihrem Alltag mit Carl Zeiss zu tun. Wo auch immer auf der Welt man zum Arzt geht, findet man Mikroskope der Carl Zeiss AG (so der heutige Name). In den Chips vieler digitaler Geräte steckt das Wissen von Zeiss. Und selbst wer ein Selfie mit einem Smartphone macht, sei dieses auch von einer japanischen Firma hergestellt, tut dies oftmals mit einem Objektiv von Zeiss.

Der polnische Reporter Ryszard Kapuściński, eigentlich ein Schreibender, spricht der Kamera eine wichtige Funktion zu*: Sie sei ein „Instrument der Konzentration“. Mit ihr könne man Dinge entdecken, die man sonst nicht sehe, und sich einer anderen Dimension der Wirklichkeit nähern. Was man mit diesem Auge sieht, ist allerdings nicht allein von der Technik abhängig, denn jedes Foto verlange auch eine Entscheidung darüber, was eigentlich gezeigt werden soll. Der dazu nötige reflektierende Weitblick lässt sich von Carl Zeiss lernen. Ein solcher würde uns die Flut entsetzlich belangloser Aufnahmen ersparen. Und vielleicht würden wir auch aufhören, Fotos für die Abbildung der Realität zu halten und stattdessen verstehen, dass es sich immer um Bilder handelt, die Realität erzeugen*. Nicht zufällig nennt sich das wiedereröffnete Berliner Zeiss-Großplanetarium „Europas modernstes Wissenschaftstheater“.

 

 

 *Lesehilfe

dahinstellen: nicht diskutieren
unbeugsam: stark, nicht manipulierbar
gespeist: basierend auf, entstanden aus
überlegen sein: besser, stärker sein
der Rückschlag: Niederlage in einer Reihe von Erfolgen
bewahren vor: schützen
einen Coup landen: eine einzigartige, zum Erfolg führende Idee haben
bis dato: bis zu diesem Moment
glorreich: zum Ruhm gereichend
die Säule: (hier): wichtiger Bereich
die Rüstungsindustrie: Industrie für Militärtechnik
bescheiden: mit wenig zufrieden sein
belanglos: unbedeutend
jdm./etwas etwas zusprechen: behaupten, dass jmd./etwas etwas hat
erzeugen: entstehen lassen, herstellen

 

 

 Aufgaben

1) Welcher der drei Aspekte trug nicht zum Erfolg von Carl Zeiss bei?
a) mathematische Berechnungen, b) besonderes Glas, c) die Bürokratie

2) Was verlangt Ryszard Kapuściński von Fotografen?

 

 

 

 

 

 

 Lösungen

1. 2. Sie müssen wissen, was sie mit ihren Fotos zeigen wollen.

 

 

 

 

 

 

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