Tatort Berlin Wilhelmstraße. Teil 1: West

Die Berliner Wilhelmstraße ist breit, schnurgerade und 2400 Meter lang. Vom ehemals Westberliner Stadtteil Kreuzberg erstreckt sie sich bis zum Boulevard Unter den Linden. Nirgendwo ist Berlin(im Februar) grauer, nirgendwo sonst sind Wüten und Wunden der deutschen Geschichte so deutlich in Stein und Beton geschrieben.

Номер газеты: 03
Дата выпуска газеты: 16.02.2017


Von Lucia Geis

Im Rücken den Kreuzberger Mehringdamm und den Landwehrkanal, in den rechte Freikorps im Januar 1919 die zuvor ermordete Sozialistin und Frauenkämpferin Rosa Luxemburg wie einen Hund warfen, öffnet sich die Wilhelmstraße. Während der Kanal der Stadt an vielen Stellen, gesäumt* von Trauerweiden und Platanen, als grüne Lunge dient, erstickt er hier im Lärm des Autoverkehrs und der Hochbahn, die über ihn hinwegdonnert. Drumherum ragen* heute als bedrückend empfundene Beton-Wohnklötze der 70er Jahre in den Himmel. Die Mauernähe verlockte Stadtplaner dazu, dem Osten zu zeigen, was man zu bieten hatte.

Rote Fahne, gelbe Insel

Etwas weiter östlich in Richtung des Jüdischen Museums tauchen die zeitgleich entstandenen kreisförmigen Gebäude am Halleschen Tor auf. Dort mussten sich bis zum Judenedikt* von 1812 nach Berlin kommende Juden registrieren lassen. Mitten in der kurz darauf folgenden Gabelung von Wilhelm- und Stresemannstraße steht das Willy-Brand-Haus, die Parteizentrale der SPD, auf deren Dach als einzigem Farbtupfer* in der Tristesse der Gegend die rote Fahne weht. Dass sich gleich neben der SPD-Zentrale eine Zeitarbeitsfirma befindet, dürfte einigen Genossen* nicht gefallen, gelten doch für Leiharbeiter schlechtere Arbeitsregelungen als für sonstige Angestellte. Schräg gegenüber die letzten aus der Vorkriegszeit verbliebenen Häuser, die geradezu symbolisch für die Entwicklung Berlins in den letzten Jahren stehen: Während das eine luxussaniert ist und seine Klingelanlage nicht nur eine Rezeption ausweist, sondern auch darauf hindeutet, dass hier Wohnungen durch Ferienwohnungen ersetzt wurden, ist das andere ein Relikt* aus vergangenen Hausbesetzerzeiten: Im Vorderhaus eine Kneipe, die offenstehende Toreinfahrt ist tapeziert mit zentimeterdicken Plakatschichten, das neueste wirbt für die diesjährige Rosa-Luxemburg-Konferenz. Im nicht-asphaltierten Hof dann ein alter Baum und ebensolche Fahrräder, das Kino „Schicksal“ und eine Volksküche*.

Hat man sich von diesem aus der Zeit gefallenen Ort getrennt, ist man über hunderte Meter in eine Ödnis* geworfen, die so grau ist, als wäre hier noch immer die Welt am nahegelegenen Eisernen Vorhang zu Ende: Wohnblocks aus Beton und verblassten roten Klinkern, dazwischen Billigläden, Pizza Max und Yoko Sushi, die Bar „Essence», hinter einem von vertrockneter Friedhofsthuja* umgebenen Biergarten das italienische Restaurant „Yasmin“, das obskurerweise* Apfelstrudel* anpreist, und schließlich gegenüber eines Seniorenzentrums die Spielhölle „City Casino“ – all das inmitten einer ebenso zentralen wie wahrhaft gottverlassenen und verwundeten Gegend. Selbst das gelbe Schild einer Kindertagesstätte wirkt schal* und ihr Name „Trauminsel“ klingt eher nach einem Hilferuf als nach einem Versprechen.

Schwarzer Schotter, dunkle Ecken

Wer fliehen will, kann kurz darauf in die Anhalter Straße abbiegen. Vorbei an einer Parade weltweit operierender Hotelketten, stößt er an deren Ende allerdings auch nur auf einen Bahnhof, der keiner mehr ist. Seine einzig übrigebliebene Fassade ist ein Denkmal, denn von hier wurde nicht geflohen, sondern nach Theresienstadt deportiert. Ob das benachbarte Deutschlandhaus, das ab 2018 die Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung*“ beheimaten soll, wirklich versöhnlich stimmen kann, lässt sich angesichts des geplanten Ausstellungsschwer-punkts auf der Vertreibung von 14 Millionen Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg und dem jahrelangen Streit zwischen Vetriebenenorganisationen und Polen bezweifeln.

Zurück in der Wilhelmstraße überfällt einen die Leere, die an die Stelle des (Planungs-)Zentrums der nationalsozialistischen Terrorherrschaft getreten ist. Nur dunkel kann man auf den schwarzen Schotterflächen* das Ausmaß ihres gigantischen organisierten Horrors erahnen. Aber dort, wo u.a. das Geheime Staatspolizeiamt und die Reichsführung SS ihren Sitz hatten, wurde 2010 nach jahrelangen Querelen* und Provisorien der Erinnerungsort und das Dokumentationszentrum „Topographie des Terrors“ eröffnet. Der Name weist darauf hin, dass die Geschichte diesem Ort eingeschrieben ist. Wer mehr wissen möchte, muss sich Zeit nehmen, um die Spuren in den dokumentierenden Fotos zu lesen. Die mitgenommene Erkenntnis, dass ein Foto ohne Worte und Signatur alles und nichts sagt, wird ihm auch in einer Welt der bunten Facebook-Fotofluten hilfreich sein. Der aufmerksam gewordene Flaneur* entdeckt danach auf der anderen Straßenseite vielleicht in der dunklen Ecke eines verwahrlosten* Hauseingangs eine Gedenktafel für Mitglieder der „Bekennenden Kirche*“, die sich hier in den 30er Jahren trafen und sich gegen ihre „Vereinnahmung* durch den totalitären Staat wehrten“. Begrenzt wird dieses Kapitel deutscher Geschichte durch ein anderes: Die Mauer. Ihre Reste zeigen, wie willkürlich und absurd sie war, geht doch die deutsche Geschichte auf der ehemals anderen Seite bruchlos weiter – wenn auch erstmal knallbunt lackierte Trabis sie aufzuhellen versuchen.

Den Spaziergang durch den Ostteil der Wilhelmstraße können Sie in der nächsten Ausgabe erleben.

Aufgaben

1. Setzen Sie ein Adjektiv ein: „…auf deren ____ Dach die rote Fahne weht.“ Welche Endung muss es warum haben?
2. Warum kann man in der „Topographie des Terrors“ etwas über den Umgang mit Fotos lernen?

*Lesehilfe

das Grauen:
verstörender Schrecken
gesäumt: umgeben, begrenzt
ragen: steil nach oben aufsteigen
das Judenedikt: Verordnung
der Farbtupfer:
kleiner Farbfleck
der Genosse: Mitglied sozialdemokratischer oder sozialistischer Partei
das Relikt: Übriggebliebenes, Erinnerung
die Volksküche: Restaurant, das zum Selbstkostenpreis
für andere kocht
die Ödnis: traurige,
leblose Gegend
die Thuja: (Lebens-)Baum
obskurerweise: unverständlicherweise
der Apfelstrudel: deutsch-
österreichisches Gebäck
schal: reizlos
die Versöhnung: Verständigung nach einem Konflikt
der Schotter: Steinsplitter
die Querele: Auseinandersetzung
der Flaneur: Stadt-Spaziergänger
verwahrlost: ungepflegt
die Bekennende Kirche: Oppositionsbewegung
evangelischer Christen während der Nazi-Zeit
die Vereinnahmung: ungerechtfertigte Inanspruchnahme

 

 

 

 

 

 

 

 

Lösungen

1. „denjenigen“: Akkusativ zu „bezeichnen“, „dem“: Dativ zu „unterstellen“;

2. schaffen, verrichten, walten

 

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