Protokoll eines Schusses

Der warme Sommertag des 2. Juni 1967 sollte in Westberlin zu einem der heißetsen werden. Der Besuch des Schahs von Persien und die Ge- gendemonstrationen veränderten die BRD. Bis heute gibt es offene Fra-gen. Der Journalist Uwe Soukup hat jetzt ein Buch dazu veröffentlicht.

Номер газеты: 11
Дата выпуска газеты: 07.06.2017

Das Foto, das zur Ikone wurde: Friederike Dollinger hilft Benno Ohnesorg. / Flickr/ GiulBor

Von Lucia Geis

Zur Ikone werden Fotos, wenn in komplexen Situationen die Sprache versagt*. Etliche Berlin-Fotos sind zu Ikonen geworden: Eines davon zeigt einen am Boden liegenden Mann, dem eine Dame behutsam ihre Handtasche unter den Kopf schiebt. Es ist der 2. Juni 1967, gegen 20 Uhr. Der Mann heißt Benno Ohnesorg und er wurde gerade von einem Polizisten erschossen. Sein Tod führt zur Radikalisierung des Widerstands gegen die Große Koalition unter dem ehemaligen NSDAP Mitglied Kurt Georg Kiesinger. Das Foto steht für ein Drama in neun Akten mit Epilog.

Mit Gewalt

Erster Akt: Ein Diktator kommt. Bonn ist Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland. Jeder Staatschef, der den Weg ins eingemauerte Berlin auf sich nimmt, ist deshalb willkom-men: 1964 der kongolesische Diktator Moise Tschombé, 1967 der persische Schah Reza Pahlavi. Die Boulevard-Presse feiert die Schönheit der Ehefrau des Diktators, dem Regierenden Bürgermeister Heinrich Albertz ist allerdings mulmig* zu Mute. Zweiter Akt: Lakaien* jubeln. Vor dem Rathaus in Schöneberg werden Albertz und Pahlavi außer von Demonstranten von einer Gruppe mit persischen Fahnen und huldigenden* Transparenten empfangen.

Nachdem der Schah im Rathaus verschwunden ist, schlagen die Fähnchenträger wahllos auf Demonstranten und Schaulustige ein. Heute weiß man: Diese „Jubelperser“ waren bezahlte Mitglieder des persischen Geheimdienstes.

Dritter Akt: Eine Kugel fliegt. Während der Schah mit Bürgermeister und Polizeipräsident in der Deutschen Oper in Charlottenburg die Zauberflöte hört, eskaliert die Situation auf der Straße. Das von der Polizei verbreitete Gerücht, ein Polizist sei zu Tode gekommen, stachelt* die Beamten dermaßen auf, dass sie blind Menschen niederknüppeln*, verhaften, ja sogar am Verlassen der Demonstration hindern. Manchen, auch Benno Ohnesorg, gelingt es, trotzdem zu entkommen. Was danach in einem nahegelegenen Hof passiert, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Unstrittig ist, dass ein Schuss aus der Dienstpistole des Polizisten Karl-Heinz Kurras den Studenten schwer verletzt. Nach einer Odyssee im Krankenwagen wird ein Stück seiner Schädeldecke herausoperiert. Die Todesursache ist somit ohne Obduktion nicht mehr erkennbar.

Vierter Akt: Der Diktator spricht. Am nächsten Morgen verabschiedet sich der Schah von Albertz mit den Worten, im Iran gebe es sowas täglich. Noch am gleichen Tag veröffentlicht Albertz eine Presseerklärung, in der er sich voll und ganz hinter die Polizei stellt. Nun jubelt die Springer-Presse, die den Demonstranten Ohnesorgs Tod in die Schuhe schiebt*. Fünfter Akt: Der Tote wird verabschiedet. Am 8. Juni zieht ein Trauerzug für Ohnesorg mit 15 000 Teilnehmern quer durch die Stadt zum Kontrollpunkt Dreilinden. Von dort begleitet ein Autokonvoi seine Überführung* quer durch die DDR über die normalerweise streng kontrollierte Transitstrecke in seine Hei-matstadt Hannover. Die DDR gewährt* freies Geleit. Auch sie weiß, das Desaster der vergangenen Wo-che politisch zu nutzen.

Ohne Katharsis

Sechster Akt: Der Bürgermeister geht. Dem Regierenden Bürgermeister Albertz war der rechte Flügel seiner Partei SPD nie wohlgesonnen und nun nutzen seine Widersacher die Chance, ihn loszuwerden, anstatt die Ereignisse aufzuklären. Am Ende wird zwar der Polizeipräsident abgesetzt, die Polizei aber steht mit ziemlich reiner Weste* da. Albertz tritt am 26. September 1967 zurück, nicht ohne sich von seiner Presseerklärung zu distanzieren und einzugestehen, er habe in der Nacht des 2. Juni „objektiv das Falsche“ getan. Siebter Akt: Der Schütze sitzt am Schreibtisch. In mehreren Gerichtsprozessen lamentiert der angeklagte Todesschütze Kurras von einer Notwehrsituation – Demonstranten hätten ihn mit Messern bedroht. Obwohl Zeugenaussagen und Fotos dieser Schilderung widersprechen, wird Kurras in zwei Prozessen freigesprochen. Doch damit nicht genug: 1971 kehrt er in den Berliner Innendienst zurück, später wird er zum Kriminaloberkommissar befördert.

Achter Akt: Massen protestieren. Die konservative FAZ schreibt am 12. Juni 1967, solche Brutalität der Polizei sei nur aus faschistischen oder halbfaschistischen Ländern bekannt. Berlin ist ein Pulverfass. Die studentischen Proteste verlagern sich in der ganzen Bundesrepublik von den Universitäten auf die Straße. Der neue Berliner Innensenator Kurt Neubauer deutet extreme Maßnahmen an. Albertz soll ihn als „Verbrecher“ bezeichnet haben. Als dann am 11. April 1968 der Kopf der Studentenbewegung Rudi Dutschke angeschossen und lebensgefährlich verletzt wird, steht die Stadt am Rande des Bürgerkriegs. Einige Protestierende entscheiden sich für den „Bewaffneten Kampf“ in der „Bewegung 2. Juni“ und der RAF.

Neunter Akt: Der Schütze fliegt* auf. Ende Mai 2009 teilt die Stasi-Unterlagen-Behörde mit, Kurras sei von 1955 bis zu seinem Schuss auf Ohnesorg Mitarbeiter des MfS* gewesen. Der Versuch, die gesamte 68er Bewegung nun dadurch zu diskreditieren, dass Kurras im Auftrag der Stasi gehandelt habe, scheitert in einem Mordprozess mangels Beweisen. Eine erneute Analyse des berühmten Fotos macht jedoch den angeblich besten Schützen der Berliner Polizei sichtbar, der allein und unversehrt nahe des Todesopfers auf dem Hof steht. 2012 tauchen Dokumente auf, denenzufolge Kurras gezielt geschossen und die Polizeiführung die Tat vertuscht* hat.

Epilog: Eine Benno-Ohnesorg-Straße gibt es in Berlin bis heute nicht. Das schon 1971 vom Bildhauer Alfred Hrdlicka geschaffene Relief „Tod des Demonstranten“ hängt seit 1990 nahe der Oper. 2008 enthüllte* der Bezirk eine Informationstafel für den Mann, mit dessen Tod ein Kampf um Freiheiten, die heute selbstver-
ständlich scheinen und dennoch zu verteidigen sind, begann.

Buchtipp: Uwe Soukup.
Der 2. Juni 1967. Ein Schuss,
der die Republik veränderte.
Transit Verlag, Berlin 2017

Aufgaben

1. Was bedeutet das Modalverb in „Er sollte in Westberlin zu einem der heißesten werden“: a) es wäre gut, b) man hat es gehört, c) wird?
2. Was passt zum Polizisten Kurras nicht: a) unehrlich, b) reumütig, c) illoyal?

*Lesehilfe

versagen: (hier) nicht funktionieren
mulmig: unwohl
der Lakai: (abwertend) Diener
huldigen: einem Herrscher seine Ehrerbietung zeigen
anstacheln: zu einer Gewalttat ermuntern
niederknüppeln: mit einem Stock schlagen
jdm. etwas in die Schuhe schieben: jdn. grundlos verantwortlich machen
die Überführung: Transport eines Toten
freies Geleit gewähren: Zusage geben, jdn. zu schützen
mit reiner Weste dastehen: unschuldig erscheinen
das MfS: Minsterium für Staatssicherheit der DDR
vertuschen: etwas zum eigenen Nutzen falsch darstellen oder unterschlagen

Lösungen

1. c; 2. b.

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