Vom alltäglichen Gefühl alles verloren zu haben

Laut Pro Asyl gelangten 2015/16 ca. 1,2 Millionen Menschen aus Ländern, in denen das Überleben der Bevölkerung gefährdet ist, nach Deutschland. Haben sie dann mafiose Schlepper*, Meer und Stacheldrahtzäune hinter sich, erkennen sie schnell, dass ihnen ihr Leben dennoch genommen wurde.

Номер газеты: 12
Дата выпуска газеты: 12.05.2017

Von Lucia Geis

T. wurde gerade von allen Parteien außer der AfD* in ein politisches Gremium gewählt. D. vergießt Tränen, weil sie einer getöteten Freundin versprochen hatte, das Medizinstudium zu beenden, eine Ärztin ihr aber jetzt einen Ausbildungsvertrag anbietet. N. arbeitet an einer Mappe für die Kunsthochschule Weißensee. A. wohnt in Berlin Wannsee, gleich am Wasser, was zwar nach Berliner Establishment klingt, in Wahrheit aber eine Flüchtlingsunterkunft ist. Das sind die Pausengeschichten, Splitter* aus dem jetzigen Leben von 25 Geflüchteten. Sie alle haben ein Bewerbungsverfahren der Humboldt Universität zu Berlin durchlaufen, um an einem DAAD*-finanzierten Deutschkurs teilzunehmen, der sie auf ein Studium vorbereitet, das in vielen Fällen das zweite ist. Das erste war nur in der Heimat etwas wert.

Der Unterricht

Die Mehrzahl der Teilnehmer stammt aus Syrien, einige aus Pakistan oder Afghanistan. Aber jetzt geht es um das Leben in Deutschland und nicht um das verlorene, vielleicht täte das auch einfach zu weh. In den Köpfen und Seelen ist es dennoch immer präsent, wie sollte es auch anders sein, wenn Familienangehörige noch in Aleppo leben. Als einmal Kunstdrucke moderner Gemälde beschrieben werden, finden die eigenen Geschichten aber plötzlich eine Sprache: Rote, verschachtelte* Quadrate von Josef Albers werden mit Blut und Gefängnis assoziiert, ein Afghane greift sofort zu René Magrittes dunklem Meeresbild mit wolkenverhangenem Himmel, durch den in Form einer Taube das Blau scheint. Er erkennt darin seinen eigenen Traum zwischen Angst und Hoffnung wieder, der ihn über das Mittelmeer begleitete. Ein andermal gibt es im Unterrichtsbuch eine Lerneinheit zum Thema Krimis.

Die Befürchtung, mit Vokabular und Texten zu Tod und Mord Wunden aufzureißen, bestätigt sich in einem prompten* Kommentar: Wer im Krieg gelebt habe, brauche keine Krimis. Für die Deutschen muss Krieg sehr weit weg sein: Eine im Juni 2015 durchgeführte Studie der Forschungs-und Beratungsgruppe Goldmedia ergab, dass viele Deutsche Krimis zu einem ihrer liebsten Serienformate zählen. Zur Erheiterung der Teilnehmer trägt dagegen ein Hörverstehen bei, in dem Deutschlernende mit französischem, russischem und italienischem Akzent sprechen. Dass die Zuhörenden selber akzentfrei sprechen, ist nur scheinbar überraschend, in Wirklichkeit aber leicht zu erklären. Wer den ganzen Tag auf der Straße, im Jobcenter und im Unterricht Muttersprachler hört, hört eben keinen fremdsprachigen Akzent, allenfalls Berlinerisch, Schwäbisch oder Bayrisch.

fluechlingsklasse.blogspot.de

Das Leben

Die Teilnehmer sind seit ein bis zwei Jahren in Deutschland und werden allmählich ungeduldig. Das Erlernen einer Sprache braucht Zeit und ohne sehr gute Sprachkenntnisse kein Studium. Aber jeden Tag von 9 Uhr bis 13.30 Uhr unregelmäßige Verben, Konjunktiv, Präpositionen und Kasus, Satzbau, Orthographie, Vokabeln und Redewendungen zu lernen, obwohl man eigentlich endlich zumindest beruflich an das Leben anknüpfen* möchte, das man verloren hat, bedarf einer Engelsgeduld* sowie hoher Frustrationstoleranz. Kommt hinzu, dass einige den ganzen Tag bei sommerlicher Hitze weder essen noch trinken, weil Ramadan ist, liegen* die Nerven irgendwann blank. Wie vom Himmel fielen in einem solchen Moment zwei emeritierte* Professoren, die den Teilnehmern anboten, ihrem Studienwunsch entsprechende Ringvorlesungen* zu besuchen, um bereits vor Studienaufnahme eine Idee vom akademischen Diskurs zu bekommen.

N. braucht das nicht mehr: Seine Mappe hat den Professoren der Kunsthochschule so gut gefallen, dass sie ihn zum Gespräch eingeladen haben. Und trotz seiner eingeschränkten* Deutschkenntnisse konnte er dabei seine Ideen so überzeugend darlegen, dass ihm der Studienplatz sicher ist. D. will den Ausbildungsvertrag unterschreiben. Ihr, die alles verloren hat, ist klargeworden, dass ihre tote Freundin nichts dagegen hätte. Und ein Studium sei danach ja auch noch möglich. Nicht alle haben schon ein neues Leben, mit dem sie zufrieden sein können: Schulleiter Z. aus Afghanistan, verfolgt wegen seines koedukativen* Unterrichtsangebots, malocht* nach dem Unterricht auf einer Baustelle, H. hat plötzlich wieder Probleme mit der Ausländerbehörde. Denn als aufflog*, dass sich ein rechtsgesinnter* deutscher Bundeswehrangehöriger erfolg-reich als syrischer Flüchtling ausgeben* konnte, um als solcher Anschläge zu verüben, die Syrer in Misskredit* bringen sollten, ordnete die Behörde eine erneute Überprüfung von Pässen an. H. ist davon betroffen. J., der sich sehnsüchtig eine eigene Wohnung wünscht, erreicht den Vermieter, der ihm eine angeboten hat, nie. T. als gewählter Vertreter eines Flüchtlingsrats erlebt immer wieder, wenn er versucht, das bürokratisch-juristische Deutsch in diesem Gremium zu verstehen, dass er noch einen weiten Weg vor sich hat. M. aus Aleppo hat dagegen seine Kurzferien genutzt, um Verwandte in Solingen und Köln zu besuchen. Er kommt freudestrahlend zurück, auch wenn er Solingen für eine langweilige Stadt hält. Sportfan I. reagiert auf die Frage, ob er in den Ferien ein paar Pfunde losgeworden sei, in seiner typischen Mischung aus Unsicherheit und Coolness. Über den Rand seiner Sonnenbrille schauend, sagt er nach einem Zögern: „Ramadan.“ Alle lachen. So normal kann ein Leben auf der Schwelle einen Moment lang sein.

Aufgaben

1. Was war im Unterricht über-raschend? a) die Akzentfreiheit, b) die Bildinterpretationen, c) die Abneigung gegenüber Krimis?
2. Warum gibt es in „ihrem Studienwunsch entsprechende Vorlesungen zu besuchen“ einen Dativ (das Verb „besuchen“ braucht einen Akkusativ)?

*Lesehilfe

der Schlepper: jd., der für Geld Menschen illegal über eine Grenze bringt
die AfD: Alternative für Deutschland (rechte Partei)
der Splitter: sehr kleines Stück
der DAAD: Deutscher Akademischer Austauschdienst
verschachtelt: ineinandergefügt
prompt: sofort
anknüpfen: nach einer Unterbrechung weitermachen
die Engelsgeduld: sehr große Geduld
die Nerven liegen blank: angespannt sein
emeritiert: pensioniert
die Ringvorlesung: Vorlesung zum gleichen Thema mit verschiedenen Vortragenden
eingeschränkt: begrenzt
koedukativ: gemeinsam für Jungen und Mädchen
malochen: hart körperlich arbeiten
auffliegen: entdeckt werden
rechtsgesinnt: mit rechten (z. B. ausländerfeindlichen, homophoben) Gedanken
sich als jd. ausgeben: so tun, als ob man jd. anderer sei
in Misskredit bringen: schlecht machen

Lösungen

  1. b; 2. Er gehört zum Partizip des Verbs «entsprechen».

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