Klassenkampf, Massenkampf

Mitte Oktober beginnt in Deutschland das akademische Wintersemester. Und damit ein neuer Lebensabschnitt für viele Jugendliche. Die Studierendenzahlen steigen, die Studiengänge werden vielfältiger. In Genese und Nutzen dieses Wandels ein paar Einblicke.

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In der FU-«Bib» ist es gemütlicher, als gedacht. / Rino Porrovecchio

Von Lucia Geis

Am 8. November würde der deutsch-schwedische Schriftsteller Peter Weiss 100 Jahre alt. In seinen letzten Lebensjahren schrieb er den fast 1000-seitigen Roman „Die Ästhetik des Widerstands“. Dessen Erzähler – Arbeiter und Proletarier – erkennt, dass er den Klassenkampf in einer aus den Fugen geratenen* Welt nur durch eigenständige mühsame Aneignung* der ihm verwehrten Bildung aufnehmen kann. Mit anderen Arbeitern trifft er sich vor dem berühmten Altar im Berliner Pergamonmuseum, um über Kunst und Politik zu debattieren und sich dieses Kunstwerk im Sinne einer Ästhetik der Nicht-Herrschenden anzueignen. Für Peter Weiss und seinen Protagonisten hat die Bildung der arbeitenden Massen einen konkreten politischen Impetus*: den Kampf gegen den Faschismus. Und heute?

Notstand

In den 50er Jahren machte in Deutschland nicht einmal jeder zehnte Schüler Abitur, in Frankreich dagegen jeder fünfte. Ende des Jahrzehnts beschloss die Politik deshalb die Aufhebung* des Schulgelds für Gymnasien und ermöglichte damit ärmeren Schichten* den Zugang zum Studium. Der Soziologe Ralf Dahrendorf sprach trotzdem noch in den 60er Jahren vom Bildungsnotstand. Eine Dekade später startete die alte Bundesrepublik im Zuge einer sozialliberalen Politik eine Bildungsoffensive* unter dem Motto „Bildung für alle“. Seitdem haben sich die Studierendenzahlen in Deutschland verzehnfacht, 2015 lagen sie bei über 2,75 Millionen. Die Kritik der 68er-Bewegung, auf deren Plakaten der Satz „Nur 5% der Studenten sind Arbeiterkinder“ stand, ist dagegen bis heute gültig. Noch immer kommen 70% der Studierenden aus Akademikerfamilien. Von sozialen Aufstiegsmöglichkeiten durch Bildung kann demnach nur bedingt* die Rede sein.

Mit dem Studium zu beginnen, bedeutet vor allem Geduld zu lernen und früh aufzustehen. Denn wo auch immer die Erstsemester auftauchen*, müssen sie Schlange stehen: vor dem Immatrikulationsbüro, vor Haustüren zwecks Besichtigung von WG-Zimmern oder dem Schließfach in der Bibliothek, für die Anmeldung zu Sprachkursen, an den Computerarbeitsplätzen. In den Seminarräumen kämpfen sie um Stühle und bei den Professoren um Aufmerksamkeit.

Und dabei dachten sie, mit dem bestandenen Abitur einer Elite anzugehören. Ein Irrglaube, denn inzwischen machen über 50% eines Jahrgangs Abitur und die wenigsten von diesen entscheiden sich für einen Ausbildungsberuf. Handwerk, Dienstleistung und Handel suchen händeringend* Nachwuchs, die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge sank 2015 mit rund einer halben Million auf einen neuen Tiefstand. Inzwischen warnen Politiker vor einer Gefährdung des dualen Ausbildungssystems*. Was aber versprechen sich stetig wachsende Massen von einem Studium? Welcher Mythos und welche Aura umgibt die akademische Bildung? Das Humboldt–sche Bildungsideal des Universalgebildeten oder doch eher ein sorgenfreies Leben mit kostenlosem Hochschulsport, vielen sozialen Kontakten und der Hoffnung auf hohes Ansehen?

Bedürfnisse

Der Held im Roman von Peter Weiss war der Überzeugung, zur Veränderung der Welt bedürfe* es der Bildung. Heute bedarf die Welt eines sich immer schneller verändernden Wissens und Menschen, die dieses kurzlebige Wissen immer schneller aufnehmen.

Die tiefgreifendste* Reform der deutschen Hochschulen – die Bologna-Reform – verfolgte das Ziel, das Studium zu entindividualisieren, zu beschleunigen* und marktkonformer* zu gestalten. Im Zuge dessen dauert es nun nicht länger, einen Bachelor in Slawistik oder Chemie zu erlangen als eine Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin oder zum Mechatroniker zu absolvieren. Dass die Wirtschaft jetzt jammert*, mit den Chemikern und Slawisten nichts anfangen zu können, da sie weniger könnten als Fremdsprachensekretärinnen und in Firmen ausgebildete Chemielaboranten, ist das eine. Dass die Studierenden jammern, weil sie im Studium nur noch für Prüfungen lernen, ohne zu verstehen, geschweige denn* zu entscheiden, was sie warum lernen wollen, ist das Tragischere. Wirklich bedenklich* wird die Situation jedoch, wenn sie nicht mehr jammern, sondern sich damit arrangieren, dass es so ist, wie es ist. Resultat ist dann eine Masse von Schmalspurakademikern*, die Wissen sammeln statt es in Frage zu stellen und später dankbar sind, einen Job zu bekommen, in dem sie weniger verdienen als ein Nicht-Akademiker – vorausgesetzt sie stellen keine Fragen.

Für manch einen mag es eine Verheißung sein, auf seine Visitenkarte „Bachelor of Science“ schreiben zu können, klingt es doch in vielen Ohren besser als Energietechniker. Es geht offensichtlich oft um Glaube und Schall und Rauch – Phänomene, die der Kampf um das Wissen eigentlich angetreten* ist zu vertreiben. Wäre es nicht eine Vision, den Massen die Unis für lebenslanges Lernen zu öffnen und so der Welt das frische Wissen zur Verfügung zu stellen und gemeinsam mit und in der Welt darüber zu reflektieren? Dazu bräuchte es Zeit, aber der Gewinn läge darin, das Entdeckte ausprobieren und Probleme wieder in die Universität hineintragen zu können. Dann ließen sich schließlich neue Fragen stellen und vielleicht Antworten finden, die mehr Klasse hätten als das einzelkämpferische Rasen auf einer Zielgeraden* zum individuellen Erfolg.

 

Aufgaben

1. Nennen Sie zwei wichtige Veränderungen in der Bildungspolitik.
2. Was ist das Besondere am Verb “bedürfen”? Nennen Sie weitere solche Verben.

 

 

 

 

 

*Lesehilfe

aus den Fugen geraten: zusammenstürzen, chaotisch werden
die Aneignung: Inbesitznahme
der Impetus: Motivation, Antrieb
die Aufhebung: Beendigung
die Schicht: soziale Gruppe
die Offensive: Vorstoß
bedingt: eingeschränkt
auftauchen: erscheinen
händeringend: sehr dringend
das duale Ausbildungssystem: System aus Schule und Praxis zum Erlernen eines Berufes
einer Sache bedürfen: etwas in jedem Fall brauchen
tiefgreifend: wesentlich, folgenschwer
beschleunigen: schneller machen, vorantreiben
marktkonform: der Ökonomie entsprechend
jammern: klagen
geschweige denn: erst recht nicht
bedenklich: problematisch
Schmalspurakademiker: Akademiker, der nur das Minimum weiß
antreten etwas zu tun: etwas tun wollen
die Zielgerade: Strecke ohne Umweg

 

 

 

 

 

 

 

 

Lösungen

1. Abschaffung des Schulgelds, Bologna-Reform.
2. Es braucht einen Genitiv; z. B.: gedenken, sich bewusst werden, vergewissern, verdächtigen, beschuldigen.

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